Mein Baum

Im vergangenen Jahr, als ich noch nicht bewusst darüber nachdachte, mich mehr mit den magischen Aspekten unserer Welt zu beschäftigen, lief ich eines Tages einen für mich neuen Trampelpfad im Wald entlang und traf nach einer kleinen Biegung auf diesen Baum. Ich blieb stehen, musterte ihn fasziniert und konnte nicht näher definieren, was mich in dem Moment so berührte.

Beinahe täglich wandere ich mit meiner Fellnase im Wald umher, mal diesen, mal jenen Trampelpfad. Schöne Bäume gibt es da genug zu sehen.

Heute nun zog es mich regelrecht hin zu diesem besonderen Ort. Weil in dem Quadranten des Waldes im Frühjahr eine Menge abgeholzt worden war, blieben die Zugänge zu den Trampelpfaden erst von Baumstämmen und später von Totholzstapeln und Baumresten versperrt. Mein Chihuahua mag es nicht, querfeldein zu gehen, und so blieben wir monatelang fern von dieser Stelle.

Inzwischen haben andere Gassigänger wieder einen ansatzweisen Pfad geschaffen, ein kleines Stückchen trug ich meinen protestierend stehengebliebenen Vierbeiner, und dann ging es endlich mal wieder zu meinem Baum.

Ich versuchte ihn zu spüren, strich ihm behutsam über seine Rinde und seine Äste. Und ich fragte mich, was er wohl erlebt hatte, dass er so mitgenommen aussah. Scheinbar hatte er mal einen Zwilling. War es ein Sturm gewesen? Ist er krank gewesen und morsch geworden? Vielleicht beides. Die Schäden hatte er sicherlich schon vor vielen Jahren davongetragen.

Und dann fragte ich mich, was ich an diesem Baum so mag. Er wächst an keinem besonderen Ort, man hört dort das störende Rauschen der Bundesstraße und rund um ihn herum stehen schmale, jüngere ziemlich gleich aussehende Bäume – besonders idyllisch ist die Umgebung also weder akustisch noch visuell . Der Baum selbst strahlt auch nichts aus, zumindest merke ich da noch nichts. Bewusst, meine ich.

Heute umrundete ich ihn ganz langsam und musterte ihn. Verfolgte seine Äste mit den Augen, bewunderte seine Rindenmusterung. Als ich beim weiteren Spaziergang darüber nachdachte, fiel es mir ein:

Ich identifiziere mich mit diesem Baum. Er scheint eine Menge ertragen zu haben. Das Gefühl habe ich für mich auch – auch wenn anderen Menschen viel Schlimmeres durchmachen müssen. Und er hat nie aufgegeben. Er wächst weiter, richtet seine Äste immer wieder auf und schickt neue Äste rund um sich herum in die Luft. Wir sind beide Stehaufmännchen, kommen immer wieder auf die Füße.
Mein Sohn stand vor einiger Zeit mal bei mir im Zimmer und meinte, ob ich eigentlich wüsste, was für eine starke Frau ich sei, weil ich niemals aufgebe.
Wie dieser Baum, der sogar aus der fehlenden Baumhälfte einen Ast oder eine Wurzel wachsen ließ, ein Stück weit unter der Erde und dann wieder nach oben steigend wie ein neuer Baum.

Und diese vielen verzweigten Äste in alle Richtungen sehe ich synchron zu all meinen chaotisch anmutenden Ideen und Interessen, die ich verfolge, immer mit unterschiedlichen Prioritäten. Ja, dieser Baum hat was von mir, und ich habe was von ihm. Deshalb ist er mein Baum geworden. Jetzt möchte ich ihn nur noch intensiver spüren. Daran muss ich noch arbeiten, wohl noch eine Menge üben.

Ich habe heute mal nachgesehen, um was für einen Baum es sich überhaupt handelt. Eine Hainbuche ist es. Verwandt mit den Erlen, nicht den Buchen. Und seine Früchte verliert er gerade viel zu früh und ohne Nüsse. Vermutlich wegen der trockenen Zeiten diesen Sommer. Aber einige hängen noch an seinen Ästen. Vielleicht habe ich ja nächsten Monat Glück und kann eine Nuss sammeln.

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